Wenn Eltern sich streiten
Wenn Eltern sich streiten, sind häufig die Kinder die Leidtragenden. Wie Sie sich nach einem Streit richtig verhalten, erfahren Sie in diesem Artikel. Kinder haben feine Antennen für heranziehende Gewitter. Schlechte Stimmung erkennen Sie nicht erst, wenn laut gestritten wird. Sticheleien, gereizte Stimmen und starre Mienen genügen.© photocase

Selbst wenn Kinder die Worte nicht verstehen, die Feindseligkeit zwischen streitenden Erwachsenen spüren sie. Kinder unter drei fangen dann häufig an zu weinen. Bis zum Schulalter bleiben die einen wie angewurzelt neben den Streitenden stehen, andere fliehen auf ihr Zimmer oder klammern sich an einen Elternteil. Erst Kinder in der Vorpubertät können einordnen, um was es inhaltlich geht, und sich eine eigene Meinung bilden. Sie ziehen sich dann meistens zurück.

Je kleiner Kinder sind, desto unsicherer und hilfloser fühlen sie sich, wenn sie in einen Streit geraten. Denn kleine Kinder können nicht abschätzen, ob die Gewitterwolken vorüberziehen oder die Welt untergeht.

 

Streit lässt sich nicht immer vermeiden. Dabei fair zu bleiben, fällt leichter, wenn man Folgendes weiß:
• Kinder sind keine Schiedsrichter! Und sollten deshalb nicht zu Stellungnahmen aufgefordert werden, nach dem Motto: Wie findest du es denn, dass dein Vater jeden Abend noch später nach Hause kommt? Partei ergreifen zu müssen, stürzt Kinder in böse Loyalitätskonflikte.


• Kinder sind keine Angeklagten! Auch wenn der Streit nicht das Geringste mit ihnen zu tun hat, fühlen sich Kinder für miese Stimmung mit verantwortlich. Deshalb ist es wichtig, ihr schlechtes Gewissen nicht auch noch zu verstärken. Bemerkungen wie "Wegen dir sind wir uns in die Haare geraten!" sollten tabu sein. Selbst wenn sich der Streit tatsächlich an Erziehungsfragen entzündet hat, es ist Aufgabe der Erwachsenen, solche Themen unter sich auszumachen.


© photocase Benutzerprofil von una.knipsolina

 

• Kinder sind treu! Deshalb sollten Beschimpfungen des Streitgegners möglichst sparsam eingesetzt, besser noch unterlassen werden. Denn das Kind liebt auch denjenigen, der in den Augen seines wütenden und verletzten Gegenübers viel falsch macht.

 

 


• Kinder sind keine Strategen! Sie können Entscheidungen nicht von Drohungen unterscheiden. Nichts wühlt sie mehr auf, als wenn ein Elternteil mit Trennung droht.


• Kinder sind keine Hellseher! Sie bekommen Angst, wenn ein Elternteil wutentbrannt aus dem Haus stürzt. Denn Kinder können nicht einschätzen, ob und wann Mutter oder Vater zurückkommen.

 

Um Eltern im Clinch zu versöhnen oder wenigstens zu unterbrechen, lassen sich Kinder eine Menge einfallen:
Sie toben in ihrem Zimmer herum, hüpfen und schreien, räumen den Schrank aus, fallen ganz plötzlich polternd aus dem Bett oder lassen etwas fallen. Theoretisch ein Anlass, sich noch ein bisschen mehr aufzuregen. Aber auch eine gute Möglichkeit, sich auszuklinken und nach dem Kind zu schauen. Kleine Auszeiten sind wie geschaffen dafür, eine Eskalation des Streites zu vermeiden. Und wenn das nicht mehr möglich ist: Vertuschungsver© photocasesuche schonen niemanden und verletzen oft mehr als Offenheit. Wenn eine Partnerschaft zerbricht, ist es besser, Kindern zu sagen, dass man sich nicht mehr gut versteht und deshalb häufig in Streit gerät. Was dabei besonders betont werden sollte: Dass Eltern immer Eltern bleiben und ihr Kind lieb haben werden, selbst wenn sie auseinander gehen. Das tut dem Kind weh, aber jahrelanger Streit ist schlimmer. Wichtig ist, dass Erwachsene zu ihrer Auseinandersetzung stehen und dem Kind erklären, dass der Ärger nichts mit ihm zu tun hat. Das nimmt Kindern die Schuldgefühle, aber auch ein Stückchen Macht. Denn wenn ein Kind erst einmal das Gefühl hat, den Familienfrieden steuern zu können, kann es seine Eltern ganz schön auf Trab halten.

 


Das können Eltern tun, wenn ihr Kind in einen Streit hineinplatzt:

Das Kind nicht einfach wegschicken. Besser ist es, zu sagen, dass man sich uneinig und stocksauer ist. Details interessieren dabei nicht.

 

Das Kind sollte selbst entscheiden können, ob es bleiben oder sich lieber zurückziehen möchte. Zu bleiben muss nicht belastender sein als zu gehen, weil die Phantasie alles noch viel schlimmer machen kann, wenn man allein in seinem Zimmer sitzt, während draußen gestritten wird.

 

Alles wird gut! Dieser Satz ist nicht halb so beruhigend, wie er klingt. Denn oft ist es noch offen, ob wirklich alles gut wird. Bitte nur versprechen, was man auch halten kann.

 

Ein Kind ist kein Seelentröster! Seine Streicheleinheiten wären zwar Balsam, schaffen aber eine ungute Verbindung gegen denjenigen, der den Kummer hervorgerufen hat. Kinder stellen sich häufig auf die Seite desjenigen, den sie für schwächer halten. Oder sie solidarisieren sich gegen den, von dem sie sich selbst entmachtet fühlen.

 

So zu tun, als sei nichts passiert, bringt gar nichts. Konflikte, die unter der Decke gehalten werden, schwelen dort weiter. Meistens kracht es dann eines Tages ganz massiv und dem Anlass überhaupt nicht angemessen.Der beste Zank ist der, der irgendwann ein Ende hat. Idealerweise eines, bei dem alle Beteiligten ihr Gesicht wahren können. Dann hat das Kind tatsächlich etwas fürs Leben gelernt. Nämlich, dass sich Konflikte lösen lassen, dass neue Wege gefunden oder Kompromisse ausgehandelt werden können. Und dass sich die Welt trotz des verdunkelten Horizontes weiterdreht. Wenn immer wieder ergebnislos ums Gleiche gestritten wird, ist die Lektion wenig lehrreich. Denn dann hat das Kind das Gefühl, dass Auseinandersetzungen zu nichts führen.

 


Deshalb: Streiten mit Schlusspunkt ist halb so schlimm. Der Schlusspunkt ist unübersehbar, wenn Erwachsene nach dem Zanken auf sich und auf das Kind zugehen und signalisieren: Der Ärger ist vorüber! Wir verstehen uns wieder. Oder wenigstens: Verschnaufpause! Wir sind wieder ansprechbar. Schön sind Versöhnungsrituale: essen gehen, eine Geschichte vorlesen, sich auskitzeln (so kann wunderbar überschüssige Energie abgebaut werden).

© photocase Benutzerprofil von allerhandStreiten verunsichert. Wirklich belastend aber ist aggressives Streiten. Aggressiv sind Erwachsene nicht erst, wenn sie handgreiflich werden. Sondern auch, wenn sie schreien, drohen. Schuld zuweisen oder ewig jammern. Therapeuten ermuntern Kinder, die regelmäßig aggressivem Streit ausgesetzt sind, sich diesen Situationen zu entziehen. Weil sie bedrückend sind und aggressives Streiten von Kindern häufig abgekupfert wird.

Ganz sicher lässt sich der Verlauf eines Streites nicht nüchtern durchorganisieren. Ausreichen würde schon, mit den gröbsten Verletzungen in Gegenwart des Kindes hinterm Berg zu halten. Den meisten Menschen gelingt das bis zu einem gewissen Punkt, bevor sie anfangen, rot zu sehen. Die Kunst ist, diesen Moment zu erkennen und sich auszuklinken. Spätestens dann, wenn es nur noch um Gefühle und Verletzungen und überhaupt nicht mehr um Inhalte geht.

Quelle
Kindererziehung

Aktuelles bei eltern-hilfe.ch