Stieffamilie / Patchworkfamilie
Meine, deine, unsere Kinder - Vom Flickenteppich zur Familie
Misstrauisch verkroch sich die sechsjährige Pauline hinter ihrem Vater. Ein fremdes Mädchen saß auf „ihrer" Schaukel, eine fremde Frau streckte ihr lächelnd die Hand entgegen. Ihre Mutter hatte sich auf der Straße vor der Haustür von ihr verabschiedet und nun sollte sie also ihren Vater besuchen, mit dem sie bis vor wenigen Wochen noch in diesem Haus gelebt hatte. „Ich hatte überhaupt keine Lust zu spielen und abends hatte ich Kopfschmerzen. Meine neue Stiefschwester fand ich doof und mein Vater unterhielt sich die ganze Zeit mit seiner neuen Freundin und hat mich nicht viel beachtet", erinnert sich die heute 10-jährige an den Beginn ihres Lebens als Teil eines Patchworks. Mittlerweile hat sie ihrer jüngeren Stiefschwester das Schwimmen beigebracht, verbringt regelmäßig die Wochenenden bei ihrem Vater und seiner neuen Familie und ihre Eltern waren beide a© photocase Benutzerprofil von TheGRischun  Name Rafael Peieruf der Abschlussfeier ihrer Grundschule. „In der Regel dauert es zwischen vier bis sieben Jahre, bis die zusammen gewürfelten einzelnen Familienmitglieder zu einer tragfähigen Patchworkfamilie zusammen gewachsen sind", weiß Monika Tack vom Bundesverband Selbsthilfegruppen Stieffamilien.

 

Typisch Patchwork gibt es nicht
Jede siebte Familie in Deutschland ist eine Patchwork-Familie, so die Schätzung des Deutschen Jugendinstituts in München. Rechnet man dann noch die Haushalte mit nur einem Elternteil dazu, wird schnell klar, dass die klassische Familie, in denen die leiblichen Eltern mit ihrem Nachwuchs zusammen leben, zunehmend von neuen Familienformen verdrängt werden. Warum immer mehr Ehen mit Kindern geschieden werden, dazu gibt es viele Erklärungsversuche. Wertesysteme haben sich verändert, die Rollenbilder der Geschlechter sind weniger festgelegt, die Bereitschaft, Konflikte auszuhalten, hat sich verändert, Frauen sind heutzutage ökonomisch unabhängiger.

Die „typische" Patchworkfamilie gibt es natürlich nicht. Einziges gemeinsames Kriterium ist die Tatsache, dass Menschen aus unterschiedlichen Ursprungsfamilien zusammenleben und demzufolge die Kinder im Haushalt nicht zwingend alle die eigenen sind. Die häufigste Variante ist die Stiefvaterfamilie, soll heißen, eine Frau zieht mit ihren Kindern und einem neuen Partner zusammen. Manchmal bekommt diese „neue" Familie am Wochenende Zuwachs von den Kindern des Mannes. Oder das neue Paar hat noch einmal ein gemeinsames Kind. Oder beide Partner bringen Kinder mit in den gemeinsamen Haushalt.

© photocase Benutzerprofil von finngabitSo unterschiedlich die Familienzusammensetzungen der Patchworker auch sind, eins haben sie alle gemeinsam: Es sind die Großen, die über Trennung und Zusammenleben entscheiden, die Kinder müssen sich den neuen Partnern und den neuen Geschwistern anpassen. Das heißt: Die Rollen auf der Geschwisterebene müssen neu verteilt, Privilegien aufgegeben, neue Verantwortlichkeiten übernommen werden. Auch die Partner, manchmal noch mitten im Trennungskonflikt mit dem alten Partner, müssen lernen, mit der neuen Situation umzugehen. Jede Menge Konfliktpotential also, „die Trennungsrate bei Patchworkfamilien ist weitaus höher als bei Familien, in denen die Eltern mit ihren leiblichen Kindern zusammen leben", weiß Monika Tack.


Abschied vom heimlichen Ideal
Die Zahlen stimmen nicht sehr hoffnungsfroh. Viele Probleme und Spannungen ließen sich aber vermeiden, wenn der Umgang miteinander von mehr Offenheit geprägt wäre und das neue Familienmodell auch wirklich bejaht wird. Auch wenn das Vater-Mutter-Kinder-Modell zahlenmäßig an Bedeutung verliert, als Idealvorstellung von Familie ist es in den Köpfen immer noch sehr präsent. Deshalb sollten neu zusammengesetzte Familien nicht versuchen, den „alten" Zustand von Vater, Mutter, Kindern wieder herzustellen. „Besonders Stiefmütter überfordern sich leicht, wenn sie versuchen, eine besonders gute „Ersatzmutti" zu sein, um sich vom Klischee der „bösen Stiefmutter" abzugrenzen", weiß Monika Tack aus zahlreichen Beratungsgesprächen.


Regeln fürs gemeinsame Leben
Besonders für die Anfangsphase empfiehlt sie deshalb, dass das leibliche Elternteil auch zuständig für die Erziehung seiner Kinder ist. Dabei sollte sich der Stiefelternteil allerdings nicht komplett aus der Erziehung zurückziehen, schließlich lebt er © photocase Benutzerprofil von to-fo mit seinen Stiefkindern unter einem Dach und sollte die ihn betreffenden Entscheidungen auch mittragen können.

Bei neu zusammen gesetzten Familien treffen unterschiedliche Werte, Erziehungsstile und Kommunikationsformen aufeinander. „Ich hätte meine Tochter niemals gezwungen, einen Teller mit scharfem Essen leer zu essen, mein Mann bestand darauf und wurde auch laut", erinnert sich Marietta Hövel an spannungsgeladene Essensrunden. Mittlerweile einigte man sich darauf, dass die fünfjährige ihre Portion selbst bestimmen darf und Gewürze sparsamer benutzt werden. Und Marietta Hövel hat gelernt, auf das Einhalten von Regeln zu bestehen und dabei keine Kompromisse zu schließen. „Die Partner müssen unbedingt klären, wie das alltägliche Miteinander gestaltet werden soll, damit alle Beteiligten eine verlässliche Basis haben", empfiehlt Monika Tack.


Sozial kompetenter
Auch wenn Stieffamilien enormen Belastungen ausgesetzt sind, bergen diese Familienkonstellationen nach Ansicht von Psychologen und Pädagogen auch eine Menge Chancen. Patchwork-Kinder sind im Umgang mit anderen Menschen wesentlich kompetenter. Sie haben gelernt, Bedürfnisse anderer Menschen wahrzunehmen, sie erleben tagtäglich, wie wichtig es ist, Lösungen zu suchen, sie gehen selbstverständlicher mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen um. Und auch wenn sie vielleicht den behüteten Status eines Einzelkindes aufgeben mussten, so sind sie im Patchwork oft Teil einer ganzen Geschwistergruppe, die im besten Fall gemeinsam durch dick und dünn geht.


Das liebe Geld
Stieffamilien sind neben den psychosozialen Spannungen meist auch höheren finanziellen Belastungen ausgesetzt. Unterhaltsverpflichtungen gegenüber dem Ex-Partner belasten die Haushaltskasse. Oft brauchen Stieffamilien mehr Wohnraum, da sie für „Besuchskinder" und für die mit im Haushalt lebenden Kinder erhöhten Platzbedarf haben. Rund ein Drittel der Patchworkpaare lebt unverheiratet miteinander, steuerliche Entlastungen für diese Familienform entfallen also.
Dirten Püttmann

Quelle
GuterRat.de

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