Wie kann ich meinem Kind helfen, Konflikte zu lösen?
Gewalt hat in unserer Gesellschaft in den letzten Jahren spürbar zugenommen. Nicht nur unter Erwachsenen. Bereits in Kindergärten und Schulen geht es täglich härter zu. Eltern nehmen die Gewaltbereitschaft auch deutlicher wahr. Wie können Eltern ihren Kindern helfen, Konflikte gewaltfrei zu lösen?
Eltern erzählen
"Gestern war ich mit meinem Sohn Valentin und dessen Freund Marc in der Bücherei. Die beiden Jungs gingen in die Ecke mit den Dinosaurier-Büchern und stöberten herum. Auf einmal hörte ich, wie ein Streit zwischen beiden immer lauter wurde. Dann flitze Valentin mit einem Buch unter dem Arm an mir vorbei zur Ausleihtheke. "Was ist hier los?", stellte ich ihn zur Rede. Marc kam dazu und berichtete weinend, dass ihm Valentin das Buch aus der Hand gerissen habe. Valentin entgegnete, er habe das Buch zuerst entdeckt. "Sich mit Gewalt durchsetzen, das kann ja wohl keine Lösung sein", erklärte ich ihm. Ich nahm Valentin das Buch aus der Hand und stellte es zurück. "Wenn Ihr euch nicht einigen könnt, dann bekommt das Buch eben keiner von euch", entschied ich für die beiden Streithähne.
Sabine H. (38 J.)
"Unsere Tochter Maria und unser drei Jahre jüngerer Sohn Max saßen am Sonntag vor dem Fernseher, dem einzigen in unserer Wohnung. Maria wollte einen Kinderspielfilm sehen, Max die "Sendung mit der Maus". Prompt gab es Zoff. Der Kleine kam zu mir in die Küche und beschwerte sich bitterlich. Ich wollte das Kochen nicht unterbrechen und schickte ihn mit der Bemerkung zurück, dass er sich selbst überlegen müsse, wie er sich mit seiner Schwester einig werde. In der Küche hörte ich, wie Maria - als ihr kleiner Bruder maulend zurückkam - einfach den Ton lauter drehte, ihn aus dem Zimmer schob und die Tür schloss.
Bernd G. (32 J.)
Wie entsteht Gewalt unter Kindern?

Die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte haben die Lebensbedingungen für die meisten von uns instabiler gemacht. Viele Eltern schwanken in ihren Vorstellungen über die Werte und Normen, die sie ihren Kindern vermitteln möchten. Für sie ist es schwieriger geworden, den richtigen Erziehungsweg zu finden. Kinder spüren diese Verunsicherung. Sie haben es dadurch schwerer, eine eigene Identität zu finden und ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln. Gerade Kinder mit wenig Selbstwertgefühl neigen dazu, spannungsreiche Konflikte mit Gewalt zu lösen. Vor allem dann, wenn sie in ihren Familien selbst erfahren haben, dass man sich mit Gewalt besser durchsetzen kann. Grundsätzlich gehören aggressive Gefühle- wie Wut, Zorn und Ärger - zum Repertoire eines jeden Menschen. Ein Verhaltensdefizit liegt erst dann vor, wenn Menschen diese Gefühle immer wieder in aggressivem Verhalten ausdrücken, weil sie nicht gelernt haben, anders damit umzugehen. Andauerndes aggressives Verhalten weist nach Meinung vieler Psychologen darauf hin, dass die Beziehungen des Kindes innerhalb der Familie und/oder im Freundeskreis gestört sind, es hat das Gefühl, zu kurz kommen. Ein aggressives Kind weist seine Umgebung mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln darauf hin: In meiner Welt ist etwas nicht in Ordnung! Offene physische Aggressionen zeigen Jungen häufiger als Mädchen. Bei Mädchen erleben wir dagegen häufiger indirekte Formen aggressiven Verhaltens, wie verbale Verletzungen, Verleumdungen, Beleidigungen. Ob Mädchen aufgrund ihrer genetischen Anlagen weniger aggressiv sind, ist in der empirischen Forschung umstritten. Analysiert man die Persönlichkeit und die Biographie einzelner heranwachsender Gewalttäter, so stellt sich heraus, dass mehrere Ursachen für ihr Verhalten verantwortlich sind. Häufig werden an diesen Jugendlichen folgende Merkmale beobachtet:
* Mangel an Einfühlungsvermögen
* Kommunikationsschwierigkeiten
* Minderwertigkeitsgefühle
* eigene Vergangenheit als Opfer von Gewalt, z.B. frühkindliche Misshandlung
* kein intaktes Familienleben
* Versagen im Schul- und Ausbildungssystem
* exzessiver Konsum von medialer Gewalt
Erziehungsalltag
Viele Kinder sind heute schnell bereit, Konflikte mit Gewalt zu lösen. Die Formen von bzw. Anlässe für Gewalt haben sich
verändert: Gewalt unter Heranwachsenden ist brutaler und roher geworden, die Hemmschwellen sind offenbar gesunken, und die Anlässe für Gewalttätigkeit nichtiger geworden. Laut Bundeskriminalamt (BKA) hat sich die Zahl der heranwachsenden Tatverdächtigen in Bezug auf Delikte, bei denen Gewalt eine Rolle spielt, von 1987 bis 2000 in der Altersgruppe der Kinder unter 14 Jahren fast verdreifacht. In der Altersgruppe der Jugendlichen zwischen 14 und 18 hat sie sich mehr als verdoppelt. Insgesamt werden heute knapp zehn Prozent der männlichen Jugendlichen und rund zwei Prozent der weiblichen Jugendlichen als gewalttätig eingeschätzt. Konflikte sind Bestandteil des Zusammenlebens der Menschen. Kein Tag, an dem Eltern, ErzieherInnen und Lehrkräfte nicht Konflikte mit Kindern und Jugendlichen austragen oder hinzugezogen werden, wenn Kinder und Jugendliche untereinander Streit haben. Oft fehlt den Beteiligten jedoch die Zeit, sich wirklich auf eine solche Auseinandersetzung einzulassen. Erwachsene neigen dann dazu, eine "schnelle Lösung" zu suchen und dem Kind die Problemlösung "abzunehmen", damit es rechtzeitig zur Schule kommt oder das Mittagessen nicht kalt wird, damit der Schulunterricht nicht zu lange gestört oder der Mittagsschlaf der anderen Kindergartenkinder nicht beeinträchtigt wird. Oft vermeiden wir Konflikte auch, weil die Angst besteht, sie könnten eskalieren.
Neue Wege gehen
Positiv betrachtet beinhaltet fast jeder Konflikt auch eine Chance. Streit und Probleme regen dazu an, unsere bisherigen Verhaltensweisen zu überprüfen und neue Sichtweisen und Einstellungen zu suchen und auszuprobieren. Werden Kinder in diesem Sinne motiviert und unterstützt, Konflikte selbst zu lösen, fördert das ihre seelische Entwicklung und ihr soziales Lernen. Prof. Manfred Cierpka: "Ratschläge und Empfehlungen sollten Sie Ihrem Kind nur geben, wenn es eine Informationsfrage stellt oder etwas Neues lernt. Wenn keine Gefahr droht, sollten Sie bei allen anderen Problemen versuchen, dem Kind die Lösung zu überlassen."
Egal, ob in einer Bücherei, im Supermarkt oder beim Abendessen mit Freunden - es gibt viele Situationen, in denen wir darauf bedacht sind, einen Streit nicht eskalieren zu lassen. Aus Angst, die anderen könnten sich gestört fühlen. Da liegt es nahe, dass Sie die Konfliktlösung für Ihr Kind übernehmen, wie im Fall der beiden Jungs in der Bücherei, der in unserem Beispiel geschildert wird. Was spricht dagegen, dass Sie mit den beiden Kindern kurz aus der Bücherei herausgehen? Draußen könnten Sie die beiden danach fragen, wie genau ihr Konflikt entstanden ist und welche Vorschläge sie selbst haben, um das Problem zu lösen. (siehe Lösungsvorschläge)
Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich mit einer Ihnen überlegeneren Person im Konflikt und der/die andere ist einfach stärker als Sie. Wie die ältere Schwester von Max in unserem zweiten Beispiel. Natürlich würden Sie versuchen, sich Hilfe zu holen! Viele Eltern versuchen das kleinere Geschwisterchen in einer solchen Situation einfach abzulenken. Das ist aber auch keine gute Lösung, denn beim nächsten Konflikt wäre das Kind wieder auf Sie angewiesen. Stark und selbstbewusst wird ein Kind dadurch nicht! Wenn Sie sich Zeit nehmen, könnten Sie den Kindern dabei helfen, ihren Konflikt selbst zu lösen. Leiten Sie die Kinder zu einem Gespräch an, in dem das große und das kleine Geschwisterkind dem jeweils anderen seine Wünsche erzählt und beide sich darüber austauschen, wie ihre Interessen ausgeglichen werden könnten (siehe Lösungsvorschläge). Wenn sie das ein paar Mal geübt haben, finden Ihre Kinder beim nächsten Konflikt eher einen Weg, selbst damit umzugehen, ohne Gewalt anzuwenden.
Lösungsvorschläge
Das Präventions-Programm FAUSTLOS schlägt eine klare Abfolge von fünf Problemlöseschritten vor, an denen sich Eltern und Kinder, wie an einem "roten Faden", orientieren können. Das Ziel besteht darin, zu lernen für einen Moment die eigenen Gefühle außer Acht zu lassen und sich in den anderen hineinzuversetzen. Das ist die Grundlage dafür, eine möglichst gerechte Lösung zu finden, mit der die Konfliktparteien zufrieden sein können. Die fünf Schritte können in Konfliktgesprächen zwischen Ihnen und Ihrem Kind, aber auch zwischen Ihrem Kind und anderen Kindern, angewendet werden. Je öfter Sie mit diesem "Fahrplan" nach einer Lösung suchen, desto stärker wird das Vorgehen verinnerlicht. Und denken Sie daran: Sie sind ein Vorbild für Ihr Kind! Wenn Sie in eigenen Konfliktsituationen mit dem folgenden Fragenkatalog einen "roten Faden" vorgeben, wird es für Ihr Kind selbstverständlich sein, sich daran zu orientieren.
Auch wenn das Problem in Ihren Augen nicht der Rede wert ist, sollten Sie es ernst nehmen. Gemeinsam mit dem Kind oder den am Konflikt beteiligten Kindern gilt es im Gespräch herauszufinden: Wer hat das Problem? Wessen Wünsche oder Bedürfnisse sind enttäuscht worden? Wenn Sie selbst am Konflikt beteiligt sind, sollten Sie auch Ihre eigenen Bedürfnisse nennen! An welchen Worten oder Taten oder Gesten des Gegenübers hätten Sie oder Ihr Kind erkennen können, dass er/sie ein Problem hat? Wichtig ist: Alle Beteiligten sollten versuchen, die Problemlage völlig frei von Beschuldigungen zu beschreiben!
Nun dürfen die Konfliktparteien so viele Lösungsmöglichkeiten wie denkbar zusammentragen - und zwar ohne sie gleich zu bewerten! Positive oder negative Kommentare sind in dieser Phase streng verboten. Das ist die Bedingung dafür, dass Sie und Ihr Kind auf Lösungen kommen, die Ihnen sonst vielleicht nicht so schnell über die Lippen kämen. Hier darf jeder seine Phantasie spielen lassen!
Erst jetzt geht es darum, sich die möglichen Konsequenzen jeder Lösung vorzustellen: Für wen ist die Lösung attraktiv? Hat die Lösung negative Nebenwirkungen? Ist sie ungefährlich? Wie fühlen sich die Anderen dabei? Ist sie fair? Wird sie funktionieren? Je konkreter Sie sich die Konsequenzen für den Alltag ausmalen, desto leichter fällt Ihnen und allen Beteiligten der nächste Schritt.
Auf der Grundlage der Informationen, die Sie in Schritt drei zusammengetragen haben, muss nun eine Entscheidung fallen. Schön wäre es, wenn allen Beteiligten bewusst wird, dass es keine absolut richtigen Antworten gibt, sondern jede Lösung ein Kompromiss ist. Und: Eine Lösung ist nur dann gut, wenn beide Seiten sie akzeptieren können. Um der Lösung ihre Totalität zu nehmen, können Sie auch einen Zeitpunkt vereinbaren, bis zu dem sie ausprobiert werden darf.
Nicht alle Lösungen funktionieren in der Praxis so, wie wir es uns in der Phantasie ausmalen. Manche Lösungen funktionieren nur für kurze Zeit und dann nicht mehr. Wichtige Problemlösungen sollten nach immer wieder auf ihre Gültigkeit hin überprüft werden. Kommt einer der Beteiligten zu dem Schluss, dass die Lösung nicht gut ist, gilt es gemeinsam noch einmal in den Prozess einzusteigen und nach einer Alternative zu suchen.
Stiftung
BÜNDNIS FÜR KINDER. GEGEN GEWALT.
Buchtipp:
Das WUT weg Buch
Spiele, Traumreisen, Entspannung gegen Wut und Aggression bei Kindern
Thomas Kaiser
Christophorus Verlag
ISBN 3-419-52896-5
FAUSTLOS - Wie Kinder Konflikte gewaltfrei lösen können
Manfred Cierpka
Herder Verlag
ISBN 3-451-28557-6
Adressen die weiterhelfen:
Faustlos
gegen Gewalt


