Meine Tochter - ein Sexbömbchen?
Sie sind elf, zwölf, vielleicht 14 Jahre alt. Auf Community-Seiten im Internet werfen sich Girls in Pose, als hätte es die Frauenbewegung nie gegeben. Doch wissen sie, was sie damit auslösen?
Brieffreundschaften waren gestern, heute knüpft man seine Bande im Internet. Auf Portalen wie MySpace, Facebook oder Mein-Bild pflegen Abermillionen Menschen nicht nur Kontakte in aller Welt, sondern auch eigene Profile: persönlich gestaltete Internetseiten mit Fotos, Filmchen und Texten aus dem eigenen Leben, über die man sich mit Freunden und Gleichgesinnten vernetzen kann. Allein bei myspace sind es täglich rund zehntausend mehr, die da jedem, der sich zu ihnen durchklickt, Einblick in die Privatsphäre gewähren. Bedenkt man, dass in der Schweiz schon 90 Prozent der Bevölkerung über einen Internetzugang verfügen, ist anzunehmen, dass mindestens jeder zweite Teenie im Land irgendwo auf dem Netz eine Seite unterhält, auf der er sich der Welt zur Schau stellt.
Unverschämt?
«Für mich», sagt die 14-jährige Lena, «ist das reiner Zeitvertreib. Es kostet nichts und ich bleibe so in Kontakt mit Freunden, die ich nicht täglich in der Schule sehe.» Lena, die attraktive Dunkelhaarige, zeigt sich im Netz mit Joint im Mund. Nun weiss ihre Mutter - und die ganze Welt - dass sie kifft. Doch Lenas Bild wirkt geradezu brav, verglichen mit den Fotos von Electra aus «Fuckingcity», deren Eltern wohl lieber nichts von ihrem Auftritt wissen. Beim Surfen stösst man weiter auf
die liebestolle Lolita-bonita oder auf Lamina. Unter ihrem Porträt liest man, sie sei «andersch geil». Auch die 12-jährige Ancy lässt tief blicken, allerdings hat das Girl mit dem hungrigen Blick noch kaum Brüste. «Diese Teenager freuen sich über die grosse Aufmerksamkeit, realisieren aber kaum, was sie da tun», sagt Christoph Rüdt, Medienverantwortlicher der Partysite tilllate.ch. «Klare Qualitätsrichtlinien und Kontrollen sind deshalb enorm wichtig. Unser Angebot richtet sich an 18- bis 35-Jährige, da ist das Bewusstsein schon höher.» Die Möglichkeiten sind grenzenlos: Wie man sich im Netz darstellt, entscheidet jeder selbst. Heute orientieren sich Jugendliche mehr denn je an Äusserlichkeiten: Das richtige Outfit, ein schöner Körper, ein hübsches Gesicht bestimmen über den Erfolg in der Peergroup und - so suggeriert es die Werbung - im ganzen Leben. Schon Acht-, Neun-, Zehnjährige wissen, wie man auszusehen hat, wenn man heutzutage ankommen will. Frauen sind dünn, grossbusig und hochhackig, Männer haben verwuschelte Haare, Tattoos und
ein «Sixpack».
Die Generation MySpace
Schönheit ist heute unverhohlen sexy, die Werbung versetzt mit erotischen Reizen wie noch nie; ihre Symbolsprache ist allgegenwärtig. Was wundern wir uns, wenn schon die Jüngsten diese Ästhetik imitieren? Eigentlich ist es nur logisch, dass Schmollmund und Bikini schon fast zur Selbstdarstellung im Internet gehören wie die Butter zum Frühstücksbrot. Doch nicht nur Mädchen zeigen viel Haut. Auch Buben präsentieren sich meist mit nacktem Oberkörper und Hosen, die so tief unter dem Nabel hängen wie scheinbar die Schamgrenze der «Generation MySpace». Bedenkenlos lassen sich auch unter 16- Jährige im Ausgang halb entblösst oder mit Bierbüchsen im Anschlag ablichten. Wenn die Fotos anderntags auf Partyportalen wie
tilllate.ch und usgang.ch aufgeschaltet werden, lädt man sie sogar stolz ins eigene Profil und lässt sie von Freund und Feind kommentieren. Die «Heldentaten» der Halbwüchsigen sind im Internet auf lange Zeit hinaus dokumentiert. Ob der zukünftige Arbeitgeber sie ebenfalls lustig findet, ist jedenfalls am Samstag nach der Party noch kein Thema. Nahezu fünf Millionen Bilder sind bei tilllate. Ich verfügbar. «Wir publizieren nur vorteilhafte Bilder», so Christoph Rüdt. «Auch wenn am Abend die Stimmung ausgelassen ist: Bilder von offensichtlich betrunkenen Gästen kommen nicht auf unsere Website.» Manchmal müsse man die Nutzer auch vor sich selber schützen. Zudem werde jedes Foto auf Wunsch rasch gelöscht.
Zwischen Bauklötzen und Büstenhalter
So überbordend sich manche Jugendliche auch gebärden, so unschuldig und naiv sind letztlich die meisten von ihnen, was das Bewusstsein ihrer erotischen Ausstrahlung anbelangt. Buben und Mädchen spielen mit den Insignien eines Erwachsenseins, das sie in seinem Umfang noch gar nicht erfassen können. Wenn Elfjährige sich mit Mutters Make-up und ausgestopftem BH zum Vamp stilisieren oder coole Mini-Macker mit Vaters Rasierzeug experimentieren, so hat das bei allem Ernst, mit dem die Adoleszenz geprobt wird, auch etwas Spielerisches. Selbst wenn sich ein Mädchen im Netz als «Sexy Lady» ausgibt und unverhohlen nach einem «One Night Stand» lechzt, will es damit wahrscheinlich keine erwachsenen Männer auf sich aufmerksam machen. Vielleicht sehnt es sich nach einem Freund und nach Zärtlichkeit, vielleicht sucht es den Nervenkitzel in möglichen Antworten, vielleicht weiss es aber noch nicht, was das heisst. Manche Mütter, die einst in Alice Schwarzers Fussstapfen nach selbstbestimmteren Formen der Weiblichkeit suchten, dürften entsetzt sein über die geheimen Internet- Eskapaden ihrer Töchter. Und mancher Vater, der sich gegen Machismo und Leistungsdiktat auf die Barrikaden stellte, fragt sich vielleicht, weshalb sein Sohn wie ein wild gewordener Rambo im Netz posiert. Die Antwort ist wohl weniger in jener Gegenbewegung zu finden, mit der Jugendliche sich von den Idealen ihrer Eltern abzugrenzen versuchen, als in den Maximen unserer übererotisierten Gesellschaft, die diese Eltern selbst geschaffen haben und mit denen nun ihre Kinder spielen wie mit Bauklötzen.
Wann wird «Sexyness» gefährlich?
Weniger wegen der «Verderbtheit der Jugend » sollte der Trend zur lasziven Selbstdarstellung unsere Bedenken wecken als wegen der Gefahren, denen sich Kinder und Jugendliche - oft unwissentlich - dadurch aussetzen. Denn es ist eine Tatsache, dass Menschen mit pädophilen Neigungen von solchen Profilen angezogen werden und dass Kinderschänder sehr häufig auf Community- Websites versuchen, mit Minderjährigen in Kontakt zu kommen. Lenas Mutter nennt die Dinge beim Namen: «Willst du, dass ein Pädophiler sich einen runterholt, während er sich dein Bild anschaut?», fragt sie ihr Kind.
Durchlässige Filter
Seit Eltern und Interessenverbände mit Strafklagen wegen Verstössen gegen den Jugendschutz reagiert haben, versuchen immer mehr Website-Betreiber, die Gefahren einzudämmen. So werden mittlerweile fast überall Bilder und Kommentare mittels Filtern auf anstössige Inhalte kontrolliert. Doch angesichts der Flut von Fotos, Filmen und Texten, die tagtäglich, ja stündlich ins Netz gestellt werden,
wird deutlich, wie durchlässig solche Systeme sind. Bei einigen Webcommunities wie MySpace wurde den Mitgliedern deshalb eine Funktion eingerichtet, mit der sie ihr Profil nur jenen zugänglich machen können, die sie selbst als Freunde bestimmt haben. Und bei anderen erfährt man per Mausklick sofort, wer mit wem aus dem eigenen Bekanntenkreis verbandelt ist, um sich vor unerwünschten Kontakten zu schützen. Wie überall in den unendlichen Weiten der Internetkommunikation obliegt es aber den Usern selbst, diese Schutzmassnahmen zu nutzen. Und wie überall in den unendlichen Weiten der Erziehungskonzepte obliegt es den Eltern, mit ihren Kindern über ihre Internetprofile und deren Wirkung zu sprechen. Nur wenn sie wissen, was sie tun, können sie sich gegen peinliche oder verletzende Erfahrungen und Übergriffe schützen. Das kleine Internet-Alphabet für Kommunikationswillige beginnt bekanntlich mit dem Merksatz: «Schütze deine Privatsphäre und erzähle nicht gleich der ganzen Welt, wer du bist und wo du wohnst.»
Tipps für Eltern
Surfen Sie selbst auf den Seiten, die Ihre Kinder besuchen, und reden Sie mit ihnen über Ihre Eindrücke. Stellen Sie Fragen und erklären Sie, warum Sie etwas anstössig oder peinlich finden.
Kleine Liste beliebter Community-Websites
International
http://www.myspace.com/
http://www.facebook.com/
http://www.bebo.com/
CH
http://www.meinbild.ch/
http://www.mypix.ch/
http://www.twoleftfeet.ch/ (Boarder und Skater)
http://www.lokalisten.com/ (Netzwerk)
Party
http://www.usgang.ch/
http://www.tilllate.ch/
http://www.partypictures.ch/
http://www.lautundspitz.ch/
Kampf gegen kinderpornografie
http://www.kobik.ch/
http://www.stopp-kinderpornografie.ch/
Nina Scheu für das Elternmagazin
